Wolfgang Lutz – Der Mathematiker der Menschen

Der Demograph Wolfgang Lutz ist der Träger des Wittgensteinpreis 2010, dem höchsten Wissenschaftsförderungspreis in Österreich. Ein Portrait. 

Wenn es das IIASA nicht gebe, wäre er schon längst nicht mehr in Österreich. Nur das International Institute for Applied Systems Analysis in Laxenburg bei Wien, dessen „World Population Programm“ er heute leitet, hat es Wolfgang Lutz in den letzten 25 Jahren möglich gemacht auf höchstem Niveau zu forschen und in seinem Heimatland zu leben. Für Österreich selten, wird dort internationale Relevanz und Exzellenz verbunden.

Der Beruf seines aus Bayern stammend Vaters, der als Historiker in den Archiven des Vatikan arbeitete, brachte es mit sich, dass Lutz 1956 in Rom geboren wurde. Dort, im Alter von 15 Jahren kam er das erste Mal mit der Demographie in Berührung. Nach dem berühmten Vortrag „Die Grenzen des Wachstums“ von Gerhart Bruckmann im „Club of Rome“, war sein Vater so aufgeregt, wie selten zuvor. Lange wurde zu Hause darüber diskutiert, wie den anstehenden Probleme der Menschheit und den endlichen Ressourcen begegnet werden könnte. „Nach wie vor treibt mich das,“ erzählt Wolfgang Lutz, „und ich glaube nach wie vor das die Gesundheit der Menschen und ihre Bildung dazu führen, dass wir langfristig, nachhaltige Entwicklung herbeiführen können.“

Sein Philosophie, Mathematik und Theologie Studium an der Universität München hat er abgebrochen hat, um an der Universität Wien bei dem anerkannten Professor Bruckmann Sozial- und Wirtschaftsstatistik studieren zu können. Nach dem kompromittierenden Engagement der Demographen in Eugenik und Rassenhygiene im Nationalsozialismus, war die Bevölkerungswissenschaft im deutschsprachigen Raum praktisch von den Unis verschwunden und erst in den USA konnte Lutz sein Handwerk erlernen. Die Disziplin befindet sich im Dreieck zwischen Soziologie, Statistik und Ökonomie, wo sie auch heute angesiedelt ist. Seit seiner Berufung an die Wiener Wirtschaftsuniversität arbeitet der 53-jährige an der Etablierung eines Doktorratskolleg, um die nächste Generation zu trainieren.

Wolfgang Lutz
Wolfgang Lutz

„Ihr Forschungsgebiet könnte aktueller nicht sein“, meinte die Wissenschaftsministerin Beatrix Karl bei der Verleihung des mit 1,5 Millionen Euro dotierten Wittgensteinpreises. Im 15. Jahr wurde erstmals ein Sozialwissenschafter damit ausgezeichnet. Die Gelder sollen für die Gründung eines „Wittgenstein Center for Demography and Global Human Capital“ verwendet werden, dass an institutionell, genauso wie Lutz, an die Österreichische Akademie der Wissenschaften, an die WU und an das IIASA angebunden ist. Der demographische Ansatz soll dort für die quantifizierbare Modellierung vieler menschlicher Eigenschaften erweitert werden. Das Forschungszentrum soll erklären welche Bedeutung die Humanressourcen wie die Zusammensetzung nach Alter, Geschlecht, Wohnort, Gesundheit und Bildungsgrad für die nachhaltige Entwicklung der Menschheit haben. In der  Auswahl der Forschungsthemen wird der Familienvater in den letzten Jahren immer politischer. So studierte er den Zusammenhang zwischen Bildung und Demokratie und den positiven Einfluss von Bildung auf das Wirtschaftswachstum.

Das Wien heute ein internationales Zentrum der Demografie ist, verdankt sich vor allem seinen Forschungsarbeiten, die in Topjournalen wie Science und Nature veröffentlicht wurden. Mit den unterschiedlichen Standbeinen ist die Wissenschaftsrichtung heute gut positioniert und es geht nun daran die Spitzenforschung mit der Lehre zu verbinden, was bisher hier noch gefehlt hatte.