Wie heißt du auf Facebook?

Pseudonym oder Klarname – Verführen falsche Namen zu Gedankenlosigkeit und Agressivität? Wer mehr wissen will studiert jetzt in Linz Webwissenschaft. Von Dominik Wurnig 

„Da bin ich irgendwie gesichtsloser und kann jeden Scheiß schreiben“, sagt Anna Heuberger über das Twittern unter einem Pseudonym. Die 27-jährige Studentin ist in diversen Netzwerken unter echtem und falschem Namen: Facebook, Xing, MySpace, Google+, Twitter außerdem betreibt sie einen Mode-Blog. „Prinzipiell kann man jedes Netzwerk anders nutzen. Auf meiner Facebook-Fanpage, unter meinem ,Pseudonym‘, bin ich aber zum Beispiel persönlicher als auf meiner normalen Seite mit dem echten Namen, eigentlich pervers!“ Anonymität macht frei, gibt auch der Student Mario W.* zu: „Ich bin nicht so vorsichtig, emotionaler, direkter – ich mache mir weniger Gedanken.“ Anonym wolle er sein, damit ihn niemand finden könne und (politische) Aussagen nicht auf sein reales Leben zurückfallen.

„Der Wert von Anonymität im Internet hat sich gewandelt in den letzten sechs bis acht Jahren“, sagt der Kommunikationswissenschafter Axel Maireder. In den 90er Jahren ging es im Internet noch viel stärker um das Spielen mit Identitäten, Avataren und Pseudonymen. Während bei MySpace der Großteil der Benutzer falsche Namen verwendete, lebt Facebook davon, dass man durch den Klarnamen reale Bekanntschaften einfach auffindet.

Zur selben Zeit begann auch die öffentliche Aufregung um den Schutz der Privatsphäre im Internet. Informationen sammelnde Unternehmen wie Facebook und Google haben Datenschützer und Medien alarmiert. „Das Interesse dieser Firmen ist ein Ökonomisches – das richtet aber keinen Schaden an. Angst schürt, dass etwas anderes mit den Daten angestellt wird“, sagt Maireder von der Uni Wien. Es ist auch eine Generationenfrage: Die Älteren warnen vor zu viel Freizügigkeit, und die Jugend zeigt sich im Web so wie sie ist. „Es ist eine Angst vor dem Unbekannten: Wer sieht das?“, mutmaßt die Mode-Bloggerin Heuberger. 108 ihrer 380 Freunde schützen auf Facebook ihr reales Ich durch einen falschen Namen. Als Reaktion auf die Aufregung kann auch der Hoax um die neuen Privatsphäreeinstellungen verstanden werden (siehe Bild links/rechts/oben/unten).

Stahlstadt wird zur Webstadt. Ganzheitlich und interdisziplinär sollen Antworten auf solche Fragen im Studium Webwissenschaft in Linz gefunden werden. „Das Web ist eine komplexe Thematik- Einzelwissenschafter können oft keine Antworten geben,“ erklärt Thomas Gegenhuber, der von Anfang an am neuen Studium mitgearbeitet hat. Seit diesem Wintersemester studieren rund 50 Personen das zweijährige, interdisziplinäre Masterstudium an der Johannes-Kepler Universität und der Kunstuni in der Stadt der Ars Electronica. „Ungewöhnlich war“, sagt der ehemalige ÖH-Vorsitzende Gegenhuber, „dass die erste Idee von Studierenden ausging.“ Gemeinsam haben Lehrende und Studierende dann ein Curriculum ausgearbeitet.

Verfolgt wird ein interdisziplinärer Ansatz mit dem Blick für das große Ganze. So zeigt das Beispiel des Onlinehändlers Amazon, dass für den Erfolg ästhetische, rechtliche, betriebswirtschaftliche und technische Fragen eine Rolle spielen. Je nach Vorqualifikationen wählen die Studierenden zwischen den Zweigen Social Web, Art & Design, Business & Economy, Engineering und Recht. Module müssen aber in allen Fächern absolviert werden.

„Facebook wird uncool“. „Was auf Facebook zusammenfällt, ist die unterschiedliche Interaktion zu verschiedenen Gruppen“, sagt Maireder. Man zeigt allen Gruppen – Freunden, Familie, Kollegen, Vorgesetzten – ein und dasselbe Bild von sich. „Das ist ein gesellschaftlicher Prozess“, ist er überzeugt, „privates und öffentliches Leben verschmelzen immer mehr miteinander.“ Im Moment hat die Plattform von Mark Zuckerberg über 700 Millionen Nutzer, doch im Kernmarkt USA gibt es so gut wie kein Wachstum mehr. Der Internetexperte wagt eine Prognose: „Ich glaube, Facebook wird als erstes uncool werden und die Jugend wird rausgehen.“ Aber die grundsätzliche Struktur aus Account, Kontakt und Kommunikation mit diesen Kontakten sei jetzt da und werde nicht mehr weggehen.

*Mario W. bevorzugt es anonym zu bleiben

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