Fäuste ballen

Foto: Christopher Glanzl

Vom Abspecken, Sich-Quälen und Entscheiden: Hinter den Kulissen der Männerdomäne Boxen.

Nicole Trimmel ist sehr nett. Das mag nichts Erstaunliches sein, an und für sich muss so etwas auch nicht in einer Zeitung stehen. Aber Nicole Trimmel ist Kickboxerin und Boxerin. Wer sieht, wie sie im Ring mit Fäusten und Füßen auf ihre Gegnerinnen einschlägt, könnte sie für eine ungemütliche Zeitgenossin halten. „Boxen ist ein Sport und hat nichts mit Raufen auf der Straße zu tun“, räumt der Präsident des Österreichischen Boxverbandes Roman Nader, jedoch mit Vorurteilen auf.

Nicole Trimmel ist eine zierliche Frau, er man auf den ersten Blick die vielen Welt- und Europameisterinnen- Titel im Kickboxen nicht ansieht. Kampfsport hat sie schon immer fasziniert und irgendwann ist sie mehr oder weniger zufällig beim Kickboxen gelandet. „Mein großes Glück war es, meinen ersten Kampf zu gewinnen. Obwohl ich gleich den nächsten Kampf verloren habe, überwog die positive Empfindung“, erinnert sie sich an ihre Anfänge im Jahr 1999. Im Kickboxen hat sie eigentlich alles erreicht, neue Ziele hat sie dennoch: „Mir geht es nicht nur ums Gewinnen, sondern auch um die technische Perfektion.“ Sie will noch sauberer, noch schneller, noch perfekter werden.

Der Traum von Olympia. London 2012 war auch so ein Ziel. Ende letzten Jahres kam die Idee auf, die Qualifikation für die Olympischen Spiele in London zu versuchen. Denn im Gegensatz zum Kickboxen ist Frauen- Boxen 2012 (erstmals) olympisch. Dafür musste Nicole Trimmel zunächst von 65 Kilo auf die olympische Klasse von 60 Kilo abspecken – gar nicht so einfach für eine Leistungssportlerin. Immerhin trainiert Nicole Trimmel sechs Tage die Woche jeweils drei bis vier Stunden. Leider hat es bei den WeltmeisterInnenschaften in China, dem einzigen Qualifikationsturnier für London 2012, für Österreichs beste Boxerin dennoch nicht geklappt. „Jetzt habe ich Blut geleckt“, sagt Trimmel selbstbewusst: “Das Boxen will ich trotzdem weiterverfolgen.“

Die Spiele in Rio de Janeiro 2016 sind die Perspektive. Aber auch für das Kickboxen ist das Boxtraining hilfreich: „Durch das Boxen bekomme ich ein anderes Auge und werde unberechenbarer.“ Freizeitsport Boxen. „Ja“, antwortet Roman Nader auf die Frage, ob auch ich (27-jährig, Bierbauchansatz, mittelsportlich) noch mit dem Boxen anfangen könne. „Ein Jahr Training und dann – wenn Sie bereit sind, sich zu quälen – könnten Sie auch gegen gleichwertige Boxer kämpfen“, erklärt er. Denn die Qual gehöre zu jeder Sportart dazu: Am Sandsack, beim Sparring oder beim Pratzentraining powert man schnell aus. Auch im Freizeitbereich ist Boxen inzwischen stark vertreten: Seit 2008 gibt es ManagerInnenboxen, oder besser gesagt White Collar Boxing. Es ist ein ganzheitliches, intensives Training, das aufnahmefähiger und gelassener machen soll.

Boxen kann jeder oder jede, der oder die gesund ist. Was es laut Nader allerdings brauchte, um gut im Boxen zu werden, seien Charakter, Wille, Ausdauer, Geduld, Intelligenz, unterstützende Eltern und den oder die richtige TrainerIn. Die körperlichen Eigenschaften ergeben sich dann von selbst im Training. „Es ist kein harmloser Sport, aber Eltern brauchen sich keine Sorgen machen. Es wird sehr auf die Gesundheit geachtet“, erklärt Nader. Mit dem Klischee der dummen Boxer und Boxerinnen möchte er aufräumen: „Wenn ich 200 Kämpfe hinter mir habe, heißt das nicht, dass ich meinen Namen nicht mehr weiß“, sagt der Boxverbandspräsident. „Ganz im Gegenteil: Es ist eine hochgeistige Sportart. In einer Tausendstelsekunde muss ich entscheiden, wie schlage ich zu oder wie weiche ich aus.“

Mehr als eine Sportlerin. Und auch außerhalb des Rings sind Fähigkeiten gefragt. „Ich bin Sportlerin, Managerin, Projektbetreuerin,Organisatorin und Pressesprecherin in einer Person“, sagt Nicole Trimmel. Als Weltmeisterin ist sie in Österreich weit davon entfernt, von ihrem Sport leben zu können. Nicole Trimmel arbeitet 30 Stunden pro Woche im Sportreferat des Landes Burgenland. Etwas unnett wird sie nur, wenn sie über die rot-weiß-rote Sportförderung spricht: „Der Unterschied in der Förderung zwischen olympischen und nichtolympischen Sportlern ist zu groß. Die topverdienenden Sportler sollten nicht auch noch den Großteil abbekommen.“

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