Interview Ramon Reichert „Wir leben in einer boomenden Partizipationskultur“

Seit 2010 ist Ramón Reichert Gastprofessor für Neue Medien am Wiener Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Der Autor des Buches Amateure im Netz forscht und lehrt zu Internetkultur, Comics, Medientheorie und Film. Im Oktober 2012 erscheint sein neues Buch Die Macht der Vielen beim Bielefelder transcript-Verlag. Mit Unique sprach er über den Arabischen Frühling, Facebook-Sabotage und runtastic.

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck sagte in einem Interview über den Internetdienst Twitter: „Ich hätte mir gewünscht, wir hätten das schon 1989 gehabt.“ Macht das Web 2.0 die Welt besser?

Die Frage kann ich in dieser Tragweite nicht beantworten. Aber man kann sicherlich beobachten, wenn man soziale und politische Bewegungen anschaut – Stichwort Arabischer Frühling – dass die sozialen Medien wesentlich dazu beigetragen haben, so etwas wie eine kritische Öffentlichkeit herzustellen. Twitter, Facebook oder YouTube haben Möglichkeiten, die andere Medien nicht aufweisen: Sie sind dezentral, sie können durch viele weitergetragen werden und sie können annähernd in Echtzeit reagieren.

Das heißt, sie sind ähnlich wie eine Druckschrift, eine Zeitung oder ein Flugblatt im 19. oder 20. Jahrhundert neue Hilfsmittel für -Aufstände?

Bei einer personalisierten Repräsentation, einem namentlich ausgewiesenen Blog zum Beispiel, kann man zu einer politisch verfolgten Person werden. Und dieser Blog kann dann auch zensuriert oder gesperrt werden. Bei einer Facebook-Geschichte ist das schon viel schwieriger, weil das durch viele andere Personen einfach weitergetragen wird. Insofern kann man sagen, die gefährlichste Waffe im Internet ist der Gebrauch der sozialen Medien als Verbreitungsmedium – durch viele an viele. Die wichtigste Frage für diese Bewegungen im arabischen Raum ist: Wie kann ich möglichst rasch und effektiv eine virtuelle Menge versammeln, die eine Meinungshoheit repräsentiert?

Aber man liest oft in Analysen oder Zeitungsartikeln über Ägypten: Der entscheidende Fehler aus der Sicht des Regimes war es, das Internet abzudrehen, weil dadurch die Leute auf die Straße oder auf den Tahrir-Platz gegangen sind, um nicht vom Informationsfluss abgeschnitten zu sein. Stimmt das?

Das Internet kann man nicht einfach so abdrehen. Man kann das Handynetz abdrehen, das ist zentral reguliert. Aber die vielen Akteur-Innen, die sich über Facebook organisieren, die kann man zentral nicht abdrehen. Und auch die Zusammenarbeit zwischen China und Google, um gemeinsam eine Grammatik unerwünschter Wörter zu erarbeiten, ist sozusagen eine verspätete Polizeitechnik, weil dadurch die Leute anderswohin ausweichen; wie zum Beispiel auf Dating-Plattformen, um dort politisch zu kommunizieren, wo man eigentlich früher über Liebe und FreundInnenschaft kommuniziert hat. Das Internet hat die Arabische Revolution nicht ermöglicht oder erfunden, aber es ist ein ganz wesentlicher Verstärker.

Allgemein zum Web 2.0: Wie beeinflusst es junge Menschen auf der ganzen Welt?

Die grundsätzliche Attraktivität ist die, dass Jugendliche einen ganz großen Bedarf haben, über sich selbst zu kommunizieren, weil sie ihre sozialen Rollen noch nicht gefunden haben. Sie versuchen, permanent Anerkennung zu lukrieren, nachzufragen, wo sie in der Gruppe und generell auch sozial stehen. Das heißt, dass die Frage der Gruppenzugehörigkeit ungelöst ist und immer wieder von Neuem verhandelt werden muss.

Sind denn die Begriffe Web 2.0 oder Mitmach-Netz noch aktuell?

Unbedingt. Ja. Wir leben in einer boomenden Partizipationskultur, nur hat es sich von dieser Graswurzelmentalität abgelöst. Das Do-it-yourself ist jetzt im kommerziellen Mainstream fix angekommen. Es hat sich von diesem politischen oder politisch motivierten Kontext – Stichwort Zivilgesellschaft, BastlerInnen, AmateurInnen – abgelöst und ist zu etwas Unspektakulärem in der Star-Fan-Kommunikation geworden. Ein kritischer Einwand könnte hier lauten: Wie weitreichend ist die Teilhabe der Fans? Ist die Userin oder der User einfach nur Content-LieferantIn, der oder die seinen oder ihren Teil abliefert, aber dann im weiteren Entscheidungs- oder Redaktionsprozess nicht mehr miteinbezogen ist? Wir haben sehr viele AnbieterInnen, die dieses Partizipationspotential sehen und erkennen, aber die UserInnen für ihren Beitrag nicht gebührend honorieren, weder finanziell noch symbolisch. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist die Video-Hommage Behind the mask für Michael Jackson. Für dieses Video wurde das kreative Potential der Fans ausgebeutet. Aber grundsätzlich ist die Partizipation dann interessant, wenn den Fans die Möglichkeit geboten wird, an einem Produkt von Anfang bis zum Ende mitzuarbeiten und mitzugestalten, und die Entscheidungen von der Konzeptidee bis zur Produktwerbung auch kollektiv zu treffen.

Das heißt nur dann haben sie einen Nutzen daraus?

Nur dann kann man von einer basisdemokratischen Partizipation und einer gleichberechtigten Zusammenarbeit sprechen. Wenn man die Kreativität und Innovation von UserInnen wirklich ernst nehmen will, dann muss man dem Ganzen größeren Gestaltungsspielraum geben. Es gibt aber auch sehr viele solche Projekte – kollaborative Filme usw. –, die redaktionelle Entscheidungen wirklich transparent machen und die Diskursgeschichte der kollektiven Ausverhandlungsprozesse auch im Netz öffentlich machen.

Aber das heißt, kollektive, basisdemokratische und emanzipatorische kulturelle Produkte bleiben weiterhin am Rand, und der Mainstream ist weiterhin reine Distribution? Eine one way show?

Ja, das ist one way. Ich werde von einer Agentur adressiert und ich schicke an eine Zentrale meinen Content. Das ist im Grunde wie ein Call-in bei einer Fernsehshow: Ich rufe an, hinterlasse meinen Beitrag und was damit genau passiert, das entzieht sich meiner Kontrolle. Das berühmteste Beispiel hierfür – man nennt das auch Episodenbeteiligung oder Omnibusfilm – ist der YouTube-Film Life in a day. Es gibt eine Ausschreibung, jede und jeder kann etwas einsenden und daraus wird etwas ausgewählt.

Sind die goldenen Zeiten von Facebook vorbei?

Vor dem Hintergrund eines anhaltenden Datenalarmismus und einer allgemeinen Privatsphären-Sensibilisierung könnte es zu einem Umschwung kommen. Wenn die Facebook-Mitglieder dazu übergehen würden, Fake-Profile im Front-End-Bereich anzulegen, dann könnte es zu einer nachhaltigen Destabilisierung der Profileinträge kommen. Damit könnte Facebook seine kommerzielle Bewirtschaftung der Daten und Informationen der NutzerInnen nicht mehr durchführen. Dann wäre die goldene Zeit von Facebook dahingehend vorbei, ein Geschäftsmodell zu sein, das auf den Daten der UserInnen ein Prognosemodell für die Werbewirtschaft aufbaut. Wenn Millionen von Profileinträgen unzuverlässige Informationen wiedergeben, dann bricht das gesamte System der sozialstatistischen Auswertung im Back-End-Bereich zusammen.

Gibt es in diese Richtung organisierte Formen der, wenn man so will, Facebook-Sabotage?

Nicht wirklich, aber es gibt jetzt die Initiative Facebook 2. Dort wird thematisiert, dass Facebook ein politisch korrekter Raum ist, der vor allem über den Like-Button affirmativ organisiert ist: Man soll diesen euphorischen, positiven Ton pflegen. Man soll der Netiquette entsprechend keine sexistischen, rassistischen oder homophoben Inhalte posten. Und Facebook 2 versucht genau diesen gereinigten Kommunikationsraum, für den Facebook steht, zu durchbrechen: Hier wird nur das gepostet, was der politischen Korrektheit nicht entspricht. Facebook 2 ist eine Gruppe auf Facebook, die man nicht findet und zu der man eingeladen werden muss. Sie hat ungefähr 30.000 Mitglieder und ist quasi eine negative Gegenwelt zum Original.

Es gibt sehr viele Anwendungen zur Selbstbeobachtung und -messung oder zur Erstellung von Statistiken über sich selbst: Was ist kritikwürdig an Apps wie runtastic oder dem Perioden-Fruchtbarkeitskalender Lily?

Die Transparenz meiner Aktivitäten für FreundInnen und Bekannte wird ganz klar durch Apps angeschoben, die ein neues Niveau der statistischen Durchdringung des Subjekts ermöglichen. runtastic ist eine App, die es mir ermöglicht, die Lauffortschritte einer -Userin oder eines Users über einen historischen Zeitraum zu verfolgen und die Person interaktiv beim Joggen zu begleiten. Über Buttons kann ich motivieren, anhupen, klatschen, Zurufe machen und dergleichen. Das ist ein Set an Wissenstechniken, die aus dem Bereich des Managements, der Arbeitswissenschaft und der Kontrolltechnologien wie der Polizeiwissenschaft kommen, die jetzt über die Apps eingeführt werden. Dies entspricht einer neuen statistischen Sichtbarmachung von Subjektivität bei Facebook, die es früher nicht in diesem Ausmaß gegeben hat.

Das Interview führte Dominik Wurnig, unique 06/12