Manning in fast allen Anklagepunkten schuldig gesprochen

Ob Held oder nicht, Bradley Manning ist schuldig. Für die Weitergabe geheimer Dokumente drohen ihm Jahrzehnte hinter Gittern. Einziger Lichtblick: Im schwersten Anklagepunkt kam der Freispruch.

Manning in fast allen Anklagepunkten schuldig gesprochenFort Meade (dpa) – Der mutmaßliche Wikileaks-Informant Bradley Manning ist fast allen der mehr als 20 Anklagepunkte für schuldig erklärt, im am schwersten wiegenden Anklagepunkt jedoch überraschend freigesprochen worden. Das US-Militärgericht in Fort Meade erklärte den 25 Jahre alten Obergefreiten am Dienstag im Punkt «Unterstützung des Feindes» (aiding the enemy) für nicht schuldig. Bei einem Schuldspruch in diesem Punkt hätte Manning lebenslange Haft gedroht.

Mit dem Richterspruch vom Dienstag droht Manning laut der Enthüllungsplattform Wikileaks eine Höchststrafe von 136 Jahren Gefängnis, eine vorzeitige Entlassung ist rechtlich aber möglich. Am Mittwoch sollen die Beratungen über das Strafmaß beginnen, das voraussichtlich noch im August verkündet werden soll. Dass Manning keine Todesstrafe erwartet, war schon vor Beginn des Prozesses klar.

Für schuldig befand Richterin Denise Lind den Angeklagten unter anderem wegen Spionage, Geheimnisverrats, Computerbetrugs und Diebstahls. Auch wegen der Weitergabe eines Militärvideos, das im April 2010 für Aufsehen gesorgt hatte, wurde Manning für schuldig erklärt. Es zeigt, wie bei einem US-Hubschrauberangriff im Irak zehn Menschen getötet werden, darunter zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters.

Trotz des umfassenden Schuldspruchs wertete die Verteidigung die Worte Linds als Erfolg. «Heute ist ein guter Tag», sagte Verteidiger David Coombs laut einem Bericht der «Washington Post». Manning stünde aber noch weiterhin unter Beschuss. «Dies ist ein riesengroßer Erfolg», sagte Coombs, wie der TV-Sender NBC berichtete.

Die Familie Mannings teilte in einem vom «Guardian» veröffentlichten Schreiben mit: «Brad liebte sein Land und war stolz, dessen Uniform zu tragen.» Der Schuldspruch sei enttäuschend, doch es sei auch erfreulich, dass Manning auch nach Auffassung der Richterin den Feinden der USA niemals habe helfen wollen.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International reagierte mit Kritik. Im Kampf um die nationale Sicherheit habe die US-Regierung mit dem Prozess gegen Manning die falschen Prioritäten gesetzt. «Es scheint, dass er das Richtige tun wollte: rechtswidriges Verhalten der Regierung mit glaubwürdigen Beweisen aufdecken.»

Nathan Fuller, der den Prozess für das Unterstützernetzwerk «Bradley Manning Support Network» beobachtete, zeigte sich überrascht und erleichtert angesichts des Freispruchs im am schwersten wiegenden Anklagepunkt. Trotzdem sei es ungeheuerlich, dass Manning möglicherweise Jahrzehnte im Gefängnis verbringen müsse. Rund 20 Demonstranten protestierten am Mittwoch vor dem Gerichtsgebäude und forderten auf Schildern «Freiheit für Bradley Manning». Für Mittwochabend wurden in Washington weitere Proteste angekündigt.

Manning hatte zuvor gestanden, als im Irak stationierter Soldat 2010 Hunderttausende geheime Dokumente aus Armeedatenbanken an die Enthüllungsplattform Wikileaks weitergereicht zu haben und beteuerte, dabei keine bösen Absichten gehabt zu haben.

Das Verfahren in Fort Meade bei Washington ist der erste große Prozess gegen einen sogenannten Whistleblower in den USA und könnte als Präzedenzfall für weitere bekannte Enthüller dienen, darunter Wikileaks-Chef Julian Assange und den von den USA als Geheimnisverräter gejagten Computerspezialisten Edward Snowden. Der Schuldspruch sei eine Warnung an alle Whistleblower und die Zukunft des investigativen Journalismus, teilte die US-Sektion des Reporter-Netzwerks «Reporter ohne Grenzen» mit.

 

Geschrieben für dpa, erschienen unter anderem in der Stuttgarter Zeitung.