Pharmaindustrie umgarnt Arzneimittelkommission

Das Pharma-NetzwerkMedikamente werden immer teurer. Für die genauen Preise wird auch dieArzneimittelkommission der deutschen Ärzte angehört – als unabhängiger Sachverständiger. ZDFLobbyradar-Recherchen zeigen, dass über 40 Prozent der ordentlichen Kommissionsmitglieder Geld von Pharmafirmen bekommen haben. 

Das ist, als ob die Stiftung Warentest die Ingenieure aus den Fabriken als Gutachter holte. Obwohl seit Jahren Besserung gelobt wird, gibt es immer noch zu enge Verbindungen zwischen Medikamentenherstellern und Ärzteschaft. Bezahlte Kongresseinladungen, Beraterverträge, Honorare für Vorträge oder Arzneimittelmuster – die Pharmaindustrie schüttet auf mehr oder wenige direkte Art Gelder an die Ärzte aus. Denn diese sind es, die in den allermeisten Fällen entscheiden welches Medikament der Patient einnimmt.

Mit Transparenz gegen Interessenkonflikte

Seit 2014 geht die Arzneimittelkommission in die Offensive und legt transparent alle Interessenkonflikte  ihrer Mitglieder offen. Aktienbesitz, Mitgliedschaften, Vorträge, Beraterverträge und Forschungsgelder fragt das Beratungsgremium derBundesärztekammer von seinen Mitgliedern für die letzten drei Jahre ab. Ab August 2015 soll sogar genau aufgelistet werden, wie hoch die erhaltenen Honorare waren.

15 von 37 ordentlichen Mitgliedern der Arzneimittelkommission haben von 2010 bis 2013 (das sind die aktuellsten Zahlen) persönliche Honorare als Berater oder für Vorträge von Bayer, AstraZeneca und Co. erhalten. Die Dunkelziffer ist wohl noch höher. Denn der Arzneimittelkommission fehlen schlicht die Ressourcen, um die Angaben zu überprüfen. Würde man Forschungsgelder oder sogenannte Drittmittel aus der Pharmaindustrie dazurechnen, wäre die Zahl der Verbindungen noch größer. „Wenn wir nur Kollegen nehmen würden, die überhaupt keine Kontakte zur Pharmaindustrie hätten, wären wir nicht mehr arbeitsfähig“, sagt der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig.

Die Arzneimittelkommission

Pharmaindustrie umgarnt ArzneimittelkommissionDie Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft berät als wissenschaftlicher und unabhängiger Fachausschuss die Bundesärztekammer bei allen Fragen zur Arzneimitteltherapie und -sicherheit. Besondere Bedeutung hat die Arzneimittelkommission aber auch, weil sie gesetzlich berechtigt ist, Stellungnahmen zum Nutzen neuer Medikamente abzugeben. Diese Stellungnahme bilden dann die Grundlagen der Preisverhandlungen zwischen Pharmaproduzenten und Krankenversicherungen. Daher ist die Unabhängigkeit der Arzneimittelkommission von großer Wichtigkeit.

Es bleibt ein Kampf gegen Windmühlen, den Ludwig und die Arzneimittelkommission im Kampf gegen Intransparenz und Einflussnahme führen. Im Vergleich zu den Fachgesellschaften der verschiedenen medizinischen Disziplinen ist die Arzneimittelkommission aber dennoch Vorreiter in Sachen Transparenz und Unabhängigkeit.

Interessenkonflikte reduzieren

Aufbauend auf Erkenntnissen aus den USA versucht Ludwig Interessenkonflikte nicht nur zu deklarieren, sondern die Risikokonstellation auch zu managen. Wichtig sei es, schon die Gefahr abzuwehren, dass jemand durch ein nahes Verhältnis in seiner Meinung beeinflusst sein könnte. Selbst könne man das oft nicht beurteilen, da es sich bei Interessenkonflikten um einen unbewussten Prozess handelt. Wenn Ludwig eine Arbeitsgruppe zur Nutzenbewertung eines Medikaments zusammenstelle, achte er darauf, dass nicht mehr als die Hälfte der Mitglieder einen Interessenkonflikt mitbringe und diese im Zweifelsfall an Abstimmungen nicht teilnehmen dürften. Hier haben sich die Mitglieder der Arzneimittelkommission klare Regeln gegeben.„Es geht nicht nur um die Beziehung zum Hersteller eines Medikaments, sondern auch zu Konkurrenzmedikamenten,“ sagt Klaus Lieb, der den Fachausschusses für Transparenz und Unabhängigkeit innerhalb der Arzneimittelkommission leitet. „Im Rahmen dieser neuen Transparenzregeln haben fünf oder sechs Mitglieder bereits dieArzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft verlassen, weil sie nicht alles offenlegen wollten“, sagt Ludwig.

Verbindungen zur Pharmaindustrie kappen

Große Pharmakonzerne umgarnen Mediziner
Große Pharmakonzerne umgarnen Mediziner

Tom Bschor ist den anderen Weg gegangen. Der Psychiater hat von 2010 bis 2013 persönliche Honorare für Vorträge von den Pharmaunternehmen Bristol-Myers Squibb, Eli Lilly, Sanofi und anderen erhalten. Im Sommer 2014 habe er dann wegen der besonderen gesetzlichen Bedeutung der Arzneimittelkommission alle finanziellen Verbindungen gekappt. „Ich bedauere, dass ich den Schritt nicht schon früher gemacht habe“, sagt Bschor. „Ich denke wir sollten ganz wegkommen von industriefinanzierter Fortbildung.“Doch davon ist die Medizin derzeit meilenweit entfernt. Während Physiotherapeuten oder andere Heilberufe mit geringerem Einkommen ihre Fortbildung selbst finanzieren, gibt es unter Medizinern dafür kaum Verständnis. „Viele Ärzte sagen: Wer soll denn für mich bezahlen, wenn nicht die Industrie?“, erzählt der Arzt Thomas Lempert, der auch in der pharmakritischen Ärzteinitiative MEZIS aktiv ist.

Auch wenn für den Internisten Joachim Spranger der offene Umgang der einzig richtige Weg ist, will er nicht alle Verbindungen zur Pharmaindustrie abbrechen. „Ich glaube, wir brauchen die Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie zu einem gewissen Grad“, sagt Spranger. Er hat zwischen 2010 und 2013 von den Pharmafirmen Roche, Novo Nordisk und Bristol-Myers Squibb als Berater Geld erhalten und auch Vorträge auf Marketingveranstaltungen gehalten. Verdient habe er dabei auch persönlich, weshalb er diese Formen der Zusammenarbeit mittlerweile als problematisch sieht. Viel gewichtiger ist für ihn die Finanzierung eines gemeinsamen Forschungslabors mit der Pharmafirma Sanofi mit über einer Million Euro. Solche Formen der Zusammenarbeit hält Spranger für richtig, wenn die notwendige Transparenz eingehalten werde.

Lobbyradar zeigt das System hinter den Einzelfällen

Große Pharmakonzerne umgarnen MedizinerMit solchen Offenlegungen wird jedoch gerade einmal die Spitze des Eisbergs sichtbar. In den USA ist die Diskussion schon viel weiter. Dank eines Gesetzes können dort alle Patienten über eine zentrale Homepage einsehen, wie viel Geld der eigene Hausarzt von Pharmafirmen erhalten hat. In Deutschland wollen die Pharmaunternehmen ab 2016 freiwillig die Geldflüsse an Ärzte und Apotheker offenlegen. Doch nutzerfreundliche Transparenz ist etwas anderes, wie man an den Zahlungen an Patientenorganisationen sehen kann. Statt auf einer zentralen Seite veröffentlicht jede Pharmafirma die gespendeten Gelder auf der eigenen Homepage. Eine bessere Übersicht gibt es im ZDF-Lobbyradar, wo das komplexe Netzwerk der Verbindungen sichtbar wird. Denn nur so kann transparent dargestellt werden, wie aus vielen kleinen Einzelfällen systematischer Lobbyismus wird.

 

Erschienen auf heute.de am 6. Mai 2015.