Die fleißigste Biene ist eine Hummel

Die fleißigste Biene ist eine Hummel

Tomaten, Erdbeeren, Zucchini – der Anbau von mehr als 100 verschiedenen Obst- und Gemüsesorten ist ohne Erdhummeln kaum mehr vorstellbar. Warum diese Hummeln in den letzten 30 Jahren zum wichtigsten Nutztier der Welt wurden.

Ich bin eigentlich nicht als Tierfreund bekannt. Auch gehört normalerweise die Landwirtschaft nicht zu meinen journalistischen Spezialgebieten. Die Erdhummeln sind mir mehr oder weniger zufällig zugeflogen. Vor einigen Wochen habe ich am Berliner Staudenmarkt neue Pflanzen für meinen Neuköllner Balkon gekauft. Zwischen dem Kauf einer Walderdbeer- und einer Cocktailtomatenpflanze erzählte mir ein Mann mit einer Plüschbiene am Kopf etwas, von dem ich noch nie gehört hatte: „Das wichtigste Nutztier der Welt ist die Erdhummel.“ Dieser überraschende Satz sollte mich hinterher nicht mehr loslassen: Wieso ist dieses Insekt so wichtig? Wieso ist das nicht bekannter? Und warum weiß ich, der Listen und Zahlen liebt, das nicht?

Nahezu weltweit werden Erdhummeln – sie gehören wie die Honigbienen zur Familie der Echten Bienen – in der modernen Landwirtschaft zur Bestäubung von Gemüse- und Obstpflanzen eingesetzt. Für den Einsatz im Gewächshaus, wo es kaum wilde Insekten gibt und keine Windbestäubung möglich ist, werden sie gezielt gezüchtet und dann dort ausgesetzt. Kiwis, Mandeln, Heidelbeere, Pfirsiche – Erdhummeln nutzt man inzwischen beim Anbau von mehr als hundert Pflanzen, darunter einige der teuersten und lukrativsten Sorten. Jedes Jahr werden rund 1,5 Millionen Hummelvölker oder 2,25 Milliarden Hummeln in der Landwirtschaft eingesetzt, sagt mir Remco Huvermann, der Produktmanager von Koppert, dem niederländischen Weltmarktführer bei Erdhummeln.

Brandenburg, Manschnow, nahe der Grenze zu Polen. Windmühlen, Felder, wenig Menschen. Beim Gärtnereibetrieb Fontana werden heute 40mal so viele Tomaten geerntet wie noch vor 20 Jahren. Und das obwohl die Anbaufläche kleiner ist als 1994. Wie das geht? Gewächshäuser, Klimacomputer, eine ausgefeilte Technik und Erdhummeln. „Für mich hat die Erdhummel einen sechsten Sinn und weiß genau, ob eine Blüte bereits Pollen hat“, sagt Geschäftsführer Klaus Henschel. Im Januar werden 10.000 Tomatenpflanzen ausgesetzt, und bis in den November sollen insgesamt 350 Tonnen Tomaten geerntet werden. Alle zwei Wochen erhält Henschel dafür mindestens ein neues Hummelvolk; über das Jahr kauft er bis zu 40 Kolonien von der belgischen Firma Biobest, der Nummer zwei auf dem Weltmarkt. Anhand brauner Stellen – Bissspuren der Hummel – auf den Tomatenblüten erkennt der Landwirt sofort, ob es zu viele oder zu wenige Bestäuber im Gewächshaus gibt und kann entsprechend nachbestellen.

Die Mär von der fleißigen Biene

Zwar könnten auch Honigbienen für viele Pflanzen als Bestäuber eingesetzt werden, doch sie sind weniger leistungsfähig. Die Mär von der fleißigen Biene stimmt nicht. Im Vergleich zur Erdhummel agiert die Honigbiene eher wie der faule Willi. Denn Erdhummeln arbeiten schon bei Temperaturen ab 10 Grad Celsius, Bienen werden erst ab 16 Grad aktiv. Hummeln fliegen auch schon bei wenig Licht, was vor allem in Gewächshäusern weit weg vom Äquator wichtig ist (vgl. Velthuis/Van Doorn 2006). Hummeln fliegen weiter und schneller, bestäuben mehr Pflanzen und fliegen nicht nur die nektarreichsten Blüten an, so wie die Bienen, die ja einen Vorrat anlegen müssen, um den Winter zu überleben. „Hummeln sind der perfekten Bestäuber“, sagt Hummel-Produktmanager Huvermann von Koppert. „Heute werden sie für mehr als 100 Pflanzen fast auf der ganzen Welt als Bestäuber eingesetzt.“

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Aufmacherbild: Erdhummel (Bombus terrestris)/Rolf Brecher bei Flickr/CC BY-SA 2.0