Die coolen Hipster aus Portland vermarkten Gras wie guten Wein

Die coolen Hipster aus Portland vermarkten Gras wie guten WeinNach Jahrzehnten der Prohibition hat die Legalisierung von Cannabis im US-Bundesstaat Oregon eine Goldgräberstimmung ausgelöst. Der Unternehmer Jeremy Plumb kifft seit seiner Jugend. Nun will er die Droge neu erfinden und damit weltweit eine medizinische Revolution auslösen.

Jeremy Plumb wandert mit schnellen Schritten hin und her zwischen den kleinen Tischen der Little-T-Bäckerei im Südosten von Portland. Am Handy spricht er hektisch mit seinem Geschäftspartner; es gilt, schnell Entscheidungen zu treffen. Mit seiner engen Hose, dem lockeren Hemd und der großen Hornbrille sieht er aus wie einer der vielen Hipster hier in Portland. Als er endlich das Telefon zur Seite legt und mich – den Journalisten aus Deutschland – begrüßt, wird er noch aufgeregter. Er will mich von seiner Vision überzeugen: der Neuerfindung von Cannabis.

Wie ein Wasserfall strömen die Modeworte über mich (start healing yourself, enhancement drug, re-shaping the conversation, organic, sustainable, craft revolution, cannabis culture, once in a lifetime opportunity). Während mein Eistee ausgetrunken und mein Mohnkuchen längst aufgegessen ist, hat Plumb sein Getränk noch nicht mal angerührt. Zu beschäftigt ist er damit, mir von seinem Plan zu erzählen. Jeremy Plumb ist kein 08/15-Unternehmer. Er ist Grasdealer, betreibt ein Cannabis-Labor, und das hochmoderne Glashaus zum Marihuana-Anbau wird demnächst gebaut. Dazu später mehr.
Plumb erinnert auch nicht an einen Grasdealer oder einen Kiffer. Als Start-up-Gründer hat er gelernt, innerhalb kurzer Zeit sein Gegenüber von seinen Plänen zu überzeugen. „Ich bin nicht interessiert an dem Buzz. Ich habe alles andere aufgegeben, um an dieser Innovation zu arbeiten“, sagt Plumb. „Dieses Modell der kleinen, handwerklichen Marihuana-Bauern, das wir in Oregon erschaffen wollen, kann weltweit wiederholt und exportiert werden.“
Nach einer Stunde greift er wieder zum Telefon, um die eingegangen Nachrichten abzuarbeiten. Zu viel steht auf dem Spiel, um sich aufhalten zu lassen.

Kiffen ist in Oregon erlaubt

Verkäufer in der Gras-Apotheke FarmaPDX
Verkäufer in der Gras-Apotheke FarmaPDX
Nach der Legalisierung von medizinischem Marihuana dürfen seit Oktober 2015 Erwachsene im Westküsten-Bundesstaat Oregon Gras auch für die Freizeitnutzung (Englisch: recreational use) anbauen, verkaufen und konsumieren. Obwohl nun erlaubt, ist der Kampf aber noch nicht gewonnen. Denn was hier legal ist, bringt einen in den meisten Bundesstaaten der USA noch immer ins Gefängnis. Die Bundesregierung könnte jederzeit ihre Haltung ändern und die Grasbauern, -dealer und -konsumenten durch die Bundesdrogenpolizei DEA verhaften lassen. Denn nach dem Bundesgesetz ist Marihuana nach wie vor strafbar. Die Cannabis-Verkaufsläden in Oregon sind mit enormen bürokratischen und steuerlichen Hürden konfrontiert, da die Bundesregierung sich weiter gegen die Freigabe von Marihuana stellt. Selbst zu medizinischen Zwecken soll eine Ausgabe weiterhin nicht gestattet sein. Auch in Deutschland wird übrigens gerade ein Regierungsentwurf zur Freigabe von medizinischem Marihuana im Bundestag diskutiert.
Noch fehlt es an klaren Regeln, denn die ersten Erfahrungen im Umgang mit erlaubtem Cannabis werden nach Jahrzehnten der Prohibition gerade erst gemacht. Die nächsten Jahre werden entscheiden, ob die liberale Drogenpolitik einiger Bundesstaaten (neben Oregon auch Colorado, Alaska und Washington State) erfolgreich ist und womöglich für die ganzen USA, aber auch Deutschland zum Vorbild werden könnte. Wenn allerdings das liberale Experiment Probleme schafft, statt sie zu lösen, kann es auch schnell wieder vorbei sein.

Disclaimer: Diese Geschichte ist im Rahmen der zweiwöchigen TransAtlantic Storytelling Summerschool 2016 des fjumforum journalismus und medien entstanden. Die Kosten für den Flug nach Portland hat dankenswerterweise die US-Botschaft in Wien übernommen.

Redaktion: Esther Göbel; Produktion: Vera Fröhlich.