Hör auf Biomilch zu kaufen, wenn du die Welt ändern willst!

Nach dem Sieg von Trump rätseln viele, wie es nur dazu kommen konnte. Ich auch. Meine These: Anstatt vor der eigenen Türe zu kehren, sollten wir Gutmenschen wieder gemeinsam große Ziele angehen.

Mein Bruder Vincent isst nur bio, meine Kollegin Theresa verzichtet auf Fleisch und meine Bekannte Anna konsumiert keine Lebensmittel, die in Plastik verpackt sind. Sie alle kaufen dafür in speziellen Geschäften, wägen ab, wo und wann sie Ausnahmen machen und sind ständig auf der Suche nach der besseren Lösung. Sie machen das nicht aus Lust und Laune, sondern haben handfeste politische Gründe für ihr Handeln: Mit feinen Unterschieden geht es ihnen darum, die Welt ein wenig besser und nachhaltiger zu machen, also ökologischer zu gestalten.

Alle drei investieren Zeit, Mühe und auch Geld, um ein politisches Ziel zu erreichen. Klar, sie betreiben keinen riesigen Aufwand und leben kein entbehrungsreiches Leben – aber kleinzureden ist ihr politisches Engagement auch nicht. Einerseits verursachen diese Lebensentscheidungen (zum Teil) höhere Kosten, andererseits muss man mehr Zeit investieren, um in einem Laden ohne Plastikverpackungen einzukaufen oder unterwegs eine Biomahlzeit zu finden.

In meinem Milieu ist diese Art des politischen Engagement nichts Ungewöhnliches: Es ist die linksliberale, urbane Klasse, in der (fast) alle studiert haben, pro Flüchtlinge sind und es selbstverständlich ist, dass Homosexuelle die gleichen Rechte genießen sollen wie Heterosexuelle. Wir trennen Müll, versuchen weniger Treibhausgase zu verursachen, hinterfragen unsere Geschlechterrollen. Fast jeder und jede hat seine eigene kleine Baustelle, in der er oder sie versucht, durch Konsum die Welt zu verändern.

Spätestens mit dem Mauerfall und dem ausgerufenen „Ende der Geschichte“ von Francis Fukuyama hat sich die Individualisierung als Megatrend durchgesetzt – allen voran in den Großstädten der westlichen Welt. Wir entscheiden uns aber nicht nur individuell für Lebensweisen, Berufe und Einstellungen, sondern handeln auch politisch individuell. Die traditionellen linken Bewegungen, die in Deutschland nach wie vor von den Gewerkschaften, der Links-Partei und in Teilen auch von der SPD repräsentiert werden, zielen im Gegensatz dazu auf das Kollektiv als politisches Subjekt mit Handlungsmacht ab. Im Gegensatz dazu wird das individualisierte politische Engagement am ehesten von den Grünen vertreten. Im Klartext meint dies: Während beispielsweise die Eisenbahnergewerkschaft GDL versucht, als Kollektiv bessere Arbeitsbedingungen zu erkämpfen, treffen Konsumenten in Alternativvierteln wie dem Berliner Prenzlauer Berg individuell die Entscheidung für Biomilch oder Tofu für eine bessere Welt.

Im Marketingsprech nennt man die ethischen, bewussten, kritischen oder strategischen Konsumenten zusammenfassend LOHAS. Die Abkürzung steht für „Lifestyle of Health and Sustainability” und meint übersetzt, „Gesunder und nachhaltiger Lebensstil“. Laut einer Statistik gehören 28 Prozent der deutschen Verbraucher zur erweiterten Gruppe der LOHAS.

Demnach engagieren sich 28 Prozent der Verbraucher täglich im Supermarkt (Bio, Zero Waste), beim Kleidungskauf (Fairtrade), beim Stromanbieter (Erneuerbare), im Verkehr (Fahrrad und ÖPNV), beim Essen (vegetarisch/vegan) und vielem mehr politisch. Doch es wird kaum hinterfragt, ob dieser individuelle, politische Aktivismus strategisch auch sinnvoll und effizient ist. Genau das aber ist der Knackpunkt:

Kann bewusster Konsum wirklich etwas verändern? Oder gibt es wirksamere Felder politischen Handelns als das Individuum?

Die, die ihr (politisches) Dasein als LOHAS leben, folgen dem Grundsatz: „Wenn nur alle so konsumieren wie ich, wird die Welt nachhaltiger/ökologischer/besser/usw.“ Wie in einem Pyramidenspiel soll jeder Konsument den nächsten überzeugen. „Mein Handeln bewirkt etwas, weil ich als Vegetarier dauernd darauf angesprochen werde und auf Leute Einfluss habe,“ sagt mir beispielsweise mein Bruder; die moralische Genugtuung durch sein Handeln wird quasi als Bonus auch noch im Gewissen abgespeichert. Diese Überzeugung fußt auf folgender Tatsache: Wer heute Medien konsumiert, wird beständig mit absurden Auswüchsen des Spätkapitalismus und seinen unintendierten Folgen konfrontiert: ausgebeutete Näherinnen, abgeholzter Regenwald zum Anbau von Futtermitteln, Plastikmüll im Meer, überdüngte Böden, Wasserknappheit, Massentierhaltung, Schlachtfabriken, das Töten von Junghähnen, Antibiotika in der Schweinemast, Klimaerwärmung durch Verbrennung von Kohle und Erdöl und so weiter.

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Redaktion: Esther Göbel; Produktion: Esther Göbel; Foto: iStock