Interview Christian Lindner „Den Standardlehrstoff kann man sich auch mal mit ’nem Video reinziehen”

Christian Lindner redet superschnell, trotzdem wählt er jedes Wort sorgsam. Selbst bei langen, verschachtelten Sätzen findet er zurück zum Anfang. Hier sitzt ein Überflieger, kein Zweifel, er hat Spaß daran zu streiten, ab und zu auch daran, uns zu belehren, und ja, er sieht dabei auch noch gut aus. Gut gebräunt, sportlich, Anzug ohne Krawatte, stechend blaue Augen. Ein bisschen, als würde Terence Hill einen Jungpolitiker spielen.

Nur einmal, als wir darüber reden, was passiert, wenn die FDP nicht in den Bundestag zurückkehren sollte, da vergisst er das Verb. Das Verb könnte „scheitern“ heißen, aber das hat offenbar gerade Hausverbot in Lindners Wortschatz.

Derzeit sieht es für die FDP auch sehr gut aus. In Nordrhein-Westfalen regieren die Liberalen wieder mit, in den Umfragen für die Bundestagswahl im September liegt die runderneuerte – manche würden sagen rundverhipsterte – Partei zwischen 7 und 10 Prozent Stimmenanteil.

Ohne Pullunder läuft’s runder

2013 hat Lindner das gesunkene Schiff übernommen. Er verpasste der Partei der Pullunder-tragenden Apotheker einen Imagewechsel, radikaler noch, als das die anderen liberalen Überflieger Möllemann, Westerwelle und Rösler versuchten. Man ist jetzt die Start-up-Partei. Ganz Digital Bohemian fehlt auf Lindners Berliner Schreibtisch der Computer. Am Programm, den grundlegenden Positionen der Partei, hat sich hingegen wenig verändert.

1979 wurde Lindner in Wuppertal geboren, schon als Schüler trat er der FDP bei. Er begann Politikwissenschaft zu studieren, gründet während des Dot-com-Booms ein Internetunternehmen und setzte es in den Sand. An der Seite seines Förderers Jürgen Möllemann wurde er mit 21 der jüngste Landtagsabgeordnete in Nordrhein-Westfalen. Später war er Mitglied des Bundestages und Generalsekretär der FDP. Nachdem die Liberalen 2013 aus dem Bundestag flogen, wurde er Parteichef.

Bevor wir Christian Lindner im hübsch-hippen Genscher-Haus in Berlin zum Gespräch trafen, haben wir Leser gebeten, uns Fragen zu schicken. Mehr als 300 Vorschläge wurden eingereicht, sechsmal so viel wie zu Sahra Wagenknecht, die wir zwei Wochen zuvor trafen. Wir haben alle Fragen nach Themengebieten sortiert und dementsprechend das Interview gewichtet. Steigen wir mit der mit Abstand am häufigsten gestellten Frage ein:

Herr Lindner, keine Frage wurde uns von den Lesern so oft gestellt wie diese: Wie erklären Sie eigentlich den Landeslistenplatz 1 für die NRW-Wahl, wenn Sie vier Monate später schon wieder wegwollen?

So, wie ich das schon 2013, 14, 15 und 16 getan habe. Wir wollten in Nordrhein-Westfalen bei der Landtagswahl einen Politikwechsel erreichen, das ist uns gelungen. Und zugleich war das die letzte Wahl vor der Bundestagswahl und wird deshalb von den Medien und der Öffentlichkeit in einem Zusammenhang mit Berlin gesehen. Wir haben deshalb von Anfang an gesagt: Wir bitten auch um ein Mandat für unser Comeback im Bund.

Foto: Martin Gommel
Foto: Martin Gommel

Das war wohl mehr als eine Frage der Glaubwürdigkeit zu verstehen. Man wählt Christian Lindner für Nordrhein-Westfalen – und dann geht er aber nach Berlin.

Genau das haben wir seit Jahren öffentlich und in jedem Interview gesagt. Die Wählerinnen und Wähler wussten, dass wir in dieser besonderen Lage der FDP zu dieser besonderen Maßnahme greifen mussten. Ich weiß nicht, was Sie für ein Bild von den Bürgerinnen und Bürgern haben. Aber ich glaube, dass das sehr kritische und informierte Menschen sind, die wussten, warum sie die FDP und mich unterstützt haben.

Aber hätten Sie denn nicht einfach auf die Kandidatur in NRW verzichten können?

Ja. Wollte ich aber nicht. Ich wollte das Mandat aus meinem Heimatbundesland für die Republik als Empfehlung für die Bundestagswahl.

Was ist der Plan B, falls Sie es nicht in den Bundestag schaffen?

Es gibt keinen Plan B. Entweder die FDP zieht in den Bundestag ein und ich bin dabei. Oder ich gebe mein Landtagsmandat ab.

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