Interview Sahra Wagenknecht „Das ganze Silicon Valley war quasi eine Außenstelle des Pentagon”

Sie hat immer ein Argument mehr, und selbst, wenn sie gar nichts sagt, kann sie einen Raum bestimmen. Als unnahbar wird die 47 Jahre alte Politikerin und promovierte Volkswirtin häufig beschrieben. Sahra Wagenknecht hat tatsächlich etwas Ikonisches, etwas Rosaluxemburghaftes, am Rednerpult wirkt sie manchmal wie ein sprechendes Denkmal – so auch bei unserem Gespräch in ihrem Abgeordnetenbüro im Jakob-Kaiser-Haus des Bundestages. 200 Fotos, eineinhalb Gesichtsausdrücke. Es bleibt das Gefühl eines unwirklichen Treffens.

Eigentlich könnte das ja auch egal sein. Was soll’s, wir sind ja auch nicht zum Bierchen verabredet. Sie ist gerade zurück aus Saarbrücken, Air Berlin, Verspätung, aus 45 Minuten Gesprächszeit „werden wohl eher 30“, sagt ihre Mitarbeiterin. Merkwürdig fühlt sich das trotzdem an. So gar keine Emotion. Gar keine Neugierde. Letztlich treffen sich doch gerade immer noch drei Menschen zum Gespräch, die sich noch nie gesehen haben. Und Wagenknecht ist in einem Geschäft, in dem es darum geht, andere zu überzeugen – von den eigenen Ideen und von sich selbst – es geht für einen Berufspolitiker darum, Stimmen zu gewinnen.

Unser Small Talk beschränkt sich darauf, ob genug Licht ist für den Fotografen, und Nein, wir machen nicht ein Video. „Och, dann muss ich das ja autorisieren“, sagt Wagenknecht und ihr Pressesprecher Michael Schlick schnauft ein bisschen.

Foto: Frank Suffert
Sahra Wagenknecht im Gespräch mit den Krautreportern Christian Gesellmann und Dominik Wurnig (v.l.n.r.). Foto: Frank Suffert

Wagenknecht stammt aus der Nähe von Jena, 1989 trat sie in die SED ein. 19 Jahre lang (bis 2010) leitete sie die Kommunistische Plattform mit, eine parteiinterne Gruppierung der Linken. Seit dem Rücktritt Gregor Gysis vom Fraktionsvorstand (2015) ist sie Oppositionsführerin im Bundestag. Seit Dezember 2014 ist sie mit Oskar Lafontaine verheiratet, dem Fraktionsvorsitzenden der Linken im Saarland, und eine von zwei Spitzenkandidaten der Linken für die Bundestagswahl im September. Im Gegensatz zu ihrem Co-Spitzenkandidaten Dietmar Bartsch ist sie gegen eine rot-rot-grüne Koalition.

Positiv gesehen könnte man sagen: Sie will nicht gefällig sein. Negativ: Es ist ihr egal. Wenn du die Linke nicht wählst, ist das ja dein Problem. Für ihre Sozialpolitik könnte man die Linke sofort wählen, finden wir, Gott und die Leistungsethik werden außen vor gelassen, es gibt viele engagierte linke Kommunalpolitiker, die Partei ist Lobby der Arbeitslosen, Minderheiten und Armen in Deutschland, mehr als jede andere Partei.

Aber dann ist da leider das Thema Außenpolitik und da ist es schwer, für die Linke zu sein, außer man hat das Gefühl, Wladimir Putin braucht ein verständnisvolles Ohr im Bundestag. Steigen wir also am besten mit dem umstrittensten Thema ins Interview ein: Russland.


Frau Wagenknecht, in Interviews sagen Sie, Russland – genauso wie die USA – betreibe imperiale Politik und bei Interventionen gehe es um Einflusszonen. Warum stimmt Ihre Partei dann gegen die Verurteilung der Krim-Annexion als völkerrechtswidrig?

Unsere Position ist klar: Natürlich verurteilen wir Völkerrechtsbrüche, das ist kein Kavaliersdelikt. Allerdings darf Kritik nicht einseitig nur an Russland gerichtet sein, wie es derzeit der Fall ist. Wer Russland in der Frage kritisiert, der muss genauso die ganzen völkerrechtswidrigen Kriege verurteilen, die in den letzten Jahren von NATO-Staaten begonnen wurden und an denen sich teilweise auch Deutschland beteiligt hat. Mich ärgert die tendenziöse Darstellung der Medien: Wir haben immer gesagt, dass russische Bomben auf Aleppo genauso ein Verbrechen sind wie die Bomben der westlichen Allianz, die eben auch vor allem Zivilisten treffen. Aber das wird einfach ignoriert. Es gibt nur hin und wieder faire Berichte in den Medien, meist wird vieles bewusst verfälscht und leider von den Leuten trotzdem für bare Münze gehalten.

Wo sehen Sie sich am meisten verfälscht, bei welchen Positionen?

Zum Beispiel bei Russland. Ich bin keine Anhängerin des russischen Systems, wahrlich nicht. Das ist ein extrem ungleicher Oligarchenkapitalismus mit einer stark autokratischen Regierung, das ist nicht das Gesellschaftsmodell, das ich möchte. Aber wir brauchen Frieden und Sicherheit mit Russland und nicht gegen Russland, weil es gegen Russland gar nicht geht. Ich finde es auch völlig falsch, dass in Osteuropa Manöver stattfinden. Dass deutsche Truppen an der russischen Grenze stationiert sind, ist skandalös und geschichtsvergessen.

Mit Großbritannien verlässt gerade der größte Widersacher einer europäischen Armee die EU. Gleichzeitig verabschieden sich die USA zunehmend als verlässlicher Partner Europas….

Ein verlässlicher Partner sind die USA schon sehr lange nicht mehr. Sie sind es, die uns in immer neue Kriege hineingezogen haben. Von Partnerschaft im Sinne von Interessenausgleich kann seit vielen Jahren nicht mehr die Rede sein. Den USA geht es um ihre eigenen Interessen, die sie rücksichtslos durchsetzen. Bei den Russland-Sanktionen geht es nicht zuletzt darum, das amerikanische Fracking-Gas in Europa wettbewerbsfähig zu machen, indem das russische Gas zurückgedrängt wird. Das ist weder im Interesse der europäischen noch der russischen Bevölkerung, sondern ganz klar im Interesse der US-Konzerne.

Unabhängiger von russischem Gas zu sein, entspricht doch auch europäischen oder deutschen Interessen.

Sich abhängig zu machen vom teuren Fracking-Gas aus den USA? Ich glaube nicht, dass das die beste Variante ist.

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