Wohin die Wähler wandern, weiß niemand (auch nicht die ARD)

Es gehört zur traditionellen Wahlabendzeremonie: Nachdem das Wahlergebnis feststeht und jeder Politiker ein nichtssagendes Statement in eine Kamera abgesetzt hat, kommt die Analyse der Wählerwanderung. Genau, das ist das mit den vielen bunten, manchmal etwas verwirrenden Pfeilen im Ersten am Wahlabend, die zeigen sollen, wie sich die Wähler im Vergleich zur letzten Wahl entschieden haben. Weil den ZDF-Wahlforschern diese Analysen zu unseriös sind, verzichtet man dort übrigens ganz darauf, aber dazu später mehr. Mal heißt diese Auswertung Wählerwanderung, mal Wählerstromanalyse – gemeint ist, wie viele Wähler die Parteien einander wegnehmen konnten.

Gegen 20 Uhr haben die Demoskopen von Infratest dimap voraussichtlich die erste Version ausgerechnet. Nun legt Jörg Schönenborn los, Fernsehdirektor des WDR und seit 1999 Moderator der ARD Wahlsendungen. Anhand der bunten Pfeile erklärt er, wie viele Wähler Partei A von Partei B gewinnen konnte, was die Nichtwähler gemacht haben, und dass Partei C überhaupt keine Wähler von Partei B ziehen konnte. Dass die Wählerwanderung in absoluten Zahlen berechnet wird, auf Zehntausend gerundet, suggeriert Genauigkeit. So klingt das Ergebnis nach exakter Wissenschaft, nach genauer Messung. Doch so einfach ist es nicht.

Zunächst sollten wir erklären, wie die ARD zu ihren Zahlen kommt.
Am Wahltag führt das Meinungsforschungsunternehmen Infratest dimap im Auftrag der ARD vor 624 Wahllokalen in ganz Deutschland etwa 100.000 Befragungen mit anonymen Fragebögen durch.

Direkt nach dem Verlassen des Wahllokals werden die Wähler anonym befragt, wen sie gerade gewählt haben. Aus diesen Umfragen errechnet Infratest dimap auch die Prognose, die um Punkt 18 Uhr in der ARD verkündet wird. Außerdem auf dem anonymen Fragebogen: Wen haben Sie bei der letzten Bundestagswahl 2013 gewählt? Damit soll später die Wanderung zwischen zwei Parteien berechnet werden.

Du weißt nicht, was du im Herbst vor vier Jahren getan hast

So weit so gut. Vorausgesetzt, man weiß tatsächlich noch, wo man vor vier Jahren das Kreuz gemacht hat. Genau das ist aber zweifelhaft. Wir haben in der Krautreporter-Community nachgefragt: Von 691 Teilnehmern können sich 15 Prozent nicht daran erinnern, wem sie vor vier Jahren ihre Zweitstimme gegeben haben. 389 Krautreporter-Leser, also nur etwas mehr als die Hälfte, sind sich zu hundert Prozent sicher, dass sie das noch genau wissen. Natürlich ist das keine repräsentative Befragung, aber immerhin ist klar zu sehen, dass selbst die politisch interessierten Leser von Krautreporter sich nicht immer sicher sind, was sie bei der letzten Wahl gewählt haben.

Wahrscheinlich ist das Problem aber noch größer. Bei vier Wahlgängen, Kommunal-, Landtags-, Bundestags- und Europawahlen nämlich, ist es leicht, etwas im Nachhinein durcheinander zu bringen. Dazu kommt: Wie gut oder schlecht wir uns an Ereignisse erinnern, hängt auch davon ab, wie sehr wir daran interessiert sind. Es ist leicht vorstellbar, dass sich Politik-Nerds (als Leser dieses Artikels gehörst du wahrscheinlich dazu), Stammwähler und höher Gebildete eher richtig erinnern. Das heißt also, dass die tatsächliche Wählerwanderung möglicherweise anders ausfällt, als man aus den Erinnerungen der Leute schließen kann.

„Wir wissen nicht genau, wie viele sich falsch erinnern. Die Methode, das zu messen, ist schwierig”, sagt Rainer Faus, der mit seiner Agentur pollytix die SPD berät. „Aber wir ahnen, dass die Erinnerungslücken nicht systematisch sind.” An die Wahl von Parteien, die im Abschwung seien, würden die Menschen sich häufiger falsch erinnern als an Parteien, die konstant blieben. „Es war offensichtlich im Mai 2017 bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen, dass die Erinnerung an die Piraten sehr, sehr niedrig war”, sagt Faus. Die Piraten bekamen 2012 bei der NRW-Wahl 7,8 Prozent der Stimmen, drei Viertel davon konnten sich fünf Jahre später nicht mehr daran erinnern, sagt Faus. Ein weiteres Beispiel sei die Landtagswahl im Januar 2013 in Niedersachsen. Damals war die AfD gerade erst in Gründung und trat noch nicht zur Wahl an. Trotzdem sagen heute Befragte in Niedersachsen, sie hätten bei der letzten Landtagswahl AfD gewählt.

Die Menschen würden sich an vergangenes Verhalten so erinnern, dass es zu ihrer aktuellen Präferenz passt, um eine kognitive Harmonie herzustellen, sagt Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen, der im Auftrag des ZDF Wahlumfragen macht. „Das heißt konkret, dass die Angaben schon bei diesem zentralen Baustein der Wählerstrommodelle manchmal sehr verzerrt sind”, sagt Jung. Es ist nicht so, dass die Menschen die Wahlforscher belügen würden – ihre Erinnerung hat sich schlicht verändert. Anders als die ARD verzichtet das ZDF auf eine Darstellung der Wählerwanderung. Nicht, weil sie das ZDF uninteressant fände, sondern weil sich die Forschungsgruppe Wahlen einfach weigert. „Wir halten solche Wählerstromanalysen für in weiten Teilen unseriös”, sagt Jung.

Michael Kunert, Geschäftsführer von Infratest dimap, sieht das naturgemäß anders: „Es ist uns auch klar, dass die Wähler sich nicht zu 100 Prozent richtig erinnern, aber im Wesentlichen stimmen ihre Aussagen.”

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